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| Kopftuch |
Kopftuch
Ein Kopftuch ist ein Stück Stoff, mit dem der Kopf bedeckt wird. Ein Kopftuch kann aus vielfältigen Gründen getragen werden: zum Beispiel zum Schutz vor der Witterung (Kälte, Hitze, Wüstenwind) oder damit die Haare nicht bei der Arbeit stören, aber auch als Zierde. In manchen Kulturen besitzt das Kopftuch religiöse Bedeutung. Das Kopftuch kann auch ein Kleidercode sein, das der Identitätsbildung dient.
Vorrangig werden Kopftücher von Frauen und Kindern getragen, aber es gibt auch Kopftücher für Männer. Besonders für kleine Kinder ist die Schutzfunktion eines Kopftuches oder einer anderen Kopfbedeckung wichtig.
Kopftücher für Männer
Männer der Saharavölker wie der Tuareg, Peul, Tukulor und Mauretanier, bedecken den Kopf mit Tuch und Gesichtsschleier – oft in Turbanform. Im arabischen Raum tragen Männer als übliche Kopfbedeckungen die Kufiya in rotweiß oder schwarzweiß gemusterter oder einfarbiger Art und Weise. In westlichen Ländern findet sich gelegentlich das Bandana oder Bandanna (von Hindi bandhana, dt. "binden") als modisches Accessoire, das in der Art eines Piraten-Kopftuchs getragen wird.
Kopftücher für Frauen
Hindi
Das Tragen von Kopftüchern war bis in die 1970er und 1980er Jahre üblich und entsprach der Mode. Später verdrängten andere Kleidungsstücke, wie zum Beispiel Hüte oder Mützen das Kopftuch weitgehend. Weiterhin werden Kopftücher heute vorrangig aus religiösen und traditionellen Gründen getragen.
Viele muslimische Frauen tragen Kopftuch, einen so genannten Tschador (persisch) oder Hidschab (arabisch), als Teil der Glaubenspraxis. Die Begründung für das Tragen eines Kopftuchs durch Frauen ergibt sich für Muslime wohl aus dem Koran, Sure 24:31, der Frauen dazu aufruft, ihre Reize – soweit sie nicht normalerweise sichtbar sind – vor Männern, die nicht mit ihnen verwandt oder verheiratet sind, zu verbergen. Der Koran spricht hier davon, dass "sie ihr Gewand über ihre Brust ziehen sollen". Nicht alle Muslime interpretieren diese Stelle als Pflicht, ein Kopftuch zu tragen.
Das in dieser Koranstelle bezeichnete Gewand benutzten Frauen damals für den Ausgang, es bezeichnet aber auch eine Kopfbedeckung. Es werden zusätzlich Berichte über das Leben des Propheten Mohammed hinzugezogen. Die Mehrheit der Korangelehrten bezieht sich auch auf Ibn Abbas, einen Wegbegleiter Mohammeds der gesagt haben soll, dass „was normalerweise sichtbar ist“ sich auf „Gesicht und Hände“ bezieht, diese daher nicht bedeckt werden müssen. Eine kleinere Anzahl von Muslimen lehrt jedoch, dass die Frauen sich komplett verhüllen müssen, was eben auch das Gesicht und die Hände mit einschließt.
Bei den Aleviten, einer eigenständigen Glaubensgemeinschaft, tragen die Frauen kein Kopftuch. In der laizistisch und muslimisch geprägten Türkei besteht für Lehrer, Schüler und Studenten sogar ein Kopftuchverbot. Ein besonders extreme Form des verschleiernden Kopftuchs für Frauen ist die Burka, die sogar die Augen hinter einem Netz versteckt, so üblich gewesen in Afghanistan unter dem Taliban-Regime.
Das Kopftuchgebot soll laut dem Koran die Würde der muslimischen Frauen schützen. Es soll zum gegenseitigen respektvollem Umgang der Männer und Frauen beitragen. Ihm steht das gegenseitige Senken des Blicks der zwischen Männern und Frauen gegenüber (Sure 24:30). Kritiker sehen dieses Senken des Blicks jedoch oft mit weit weniger Nachdruck befolgt als das Kopftuchgebot.
Das Kopftuch und sein Symbolgehalt bei muslimischen Frauen ist zentraler Bestandteil des Kopftuchstreits.
Im orthodoxen Judentum bedecken verheiratete Frauen ihr Haar aus religiösen Gründen mit einem Tuch oder einer Perücke.
Frauen aus dem indischen Raum (Hindus) tragen oft einen Sari, wobei ebenfalls die Haare mit einem langen Stück Stoff bedeckt werden.
Im heutigen Christentum kennt man das Kopftuch als Teil der Ordenskleidung bei Ordensschwestern und bei konservativen Christinnen im Gottesdienst. Das bedecken des Hauptes während des Gebetes, wurde bis vor ca. 100 Jahren noch in vielen Kirchen (z.B. auch Evangelische Kirche) praktiziert. In den exklusiven Brüdergemeinden, Apostolischen Pfingstgemeinden und in den Gemeinden der baptistischen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, tragen die meisten Frauen bis heute freiwillig, beim Gebet, ihr Haupt bedeckt und beziehen sich hierbei auf die Bibelstelle aus 1.Korinther 11:5 "Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt." Christlich-orthodoxe Frauen und Ordensschwestern tragen beim Besuch einer Kirche ein Habit mit einer Kopfbedeckung, die oftmals den Kriterien der islamischen Kleiderordnung genügen. Bei einer Papstaudienz ist es üblich, dass die Frauen ein Kopftuch tragen.
Kritiker meinen, das Kopftuch stelle heute oftmals ein Mittel zur religiöser Repression dar oder stände im Gegensatz zur individuellen Selbstbestimmung.
Kopftuch und Kultur
Papst
Es sind hauptsächlich kulturelle (zum Beispiel auf dem Klima beruhende) und religiöse Hintergründe, die als Motivation für das Tragen eines Kopftuches sprechen, aus unterschiedlichen Motiven, aber als Teil der Identität der Träger und Trägerinnen. Ähnliches kennt man von den männlichen Sikhs und ihrem obligatorischen Turban.
In Deutschland trugen bis vor kurzer Zeit viele Frauen das Kopftuch aus Tradition. Ein Kopftuch, schwarz, farbig, oft auch prachtvoll bestickt, gehörte zu vielen traditionellen Trachten. Heute sieht man jedoch nur noch sehr selten eine elegante Dame, die ein edles Seidentuch als Kopftuch trägt.
Kulturell war die Bedeutung des Kopftuchs bzw. des Schleiers in allen Teilen der Welt einem starken Wandel unterlegen. Neben dem praktischen Nutzen diente es auch der Abgrenzung zwischen Gesellschaftsschichten und der Darstellung der Lebenssituation. Derzeit wird versucht, das Kopftuch als politisches Symbol zu instrumentalisieren, siehe dazu den Artikel Kopftuchstreit.
Herkunft
Das Kopftuch (bandana) wurde ebenso wie der Pyjama oder der Kummerbund von Europa aus Indien übernommen und erfreute sich großer Beliebtheit.
Literatur
- Mag. Monika Höglinger (Ethnologin); Verschleierte Lebenswelten, http://www.hoeglinger.com/kopftuch/buch.htm 2002, 2.Auflage 2003, ISBN 3-902300-03-5
Weblinks
Islamische Tradition, politische, kulturelle und religiöse Aspekte
- [http://www.kopftuch.info/ Information über Kopftuch ]
- [http://www.katholisch.de/2627_8521.htm Katholische Kirche in Deutschland: die Kopftuchdebatte]
- [http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/themen/Rassismus/massarrat.html Ein Stück Identität, Uni Kassel]
- [http://www.abendblatt.de/daten/2004/03/27/277768.html Die Lüge von der Freiheit der Frau unterm Kopftuch (Hamburger Abendblatt 27.3.04)]
- [http://www.derislam.at/haber.php?sid=39&mode=flat&order=1 "Das Kopftuch ist selbstverständlich erlaubt." Kopftuchfrage in Österreich]
- [http://www.ahmadiyya.de/library/kopftuch_oder_schleier.html Warum trägt die Muslima Kopftuch oder Schleier?]
Trachten
- [http://www.br-online.de/land-und-leute/thema/trachten/bezirk4.xml Die Abendschau: Trachten in Bayern / Oberpfälzer Trachten]
- [http://www.sonnenziele.net/kreta-tradition.htm Tänze, Trachten und Traditionen auf Kreta]
Siehe auch:
Kopftuchstreit, Burka,
Liste der Kleidungsstücke
Kategorie:Kopfbedeckung
Kategorie:Religiöse Kleidung
StoffDas Wort Stoff (aus altfranzösisch estoffe: Gewebe) bezeichnet
- ein aus Textilfasern gewebtes, gewirktes, gestricktes, in Bahnen gerolltes Erzeugnis, das zu Kleidung, Wäsche und Textilien verarbeitet wird, siehe Gewebe (Textil) und Tuch
- eine in chemisch einheitlicher Form vorliegende, durch bestimmte physikalische und chemische Eigenschaften gekennzeichnete Substanz, siehe Stoff (Chemie)
- davon angeleitet umgangssprachlich eine Droge
- in der Philosophie und Physik die Materie
- die thematische Grundlage von sprachlichen Äußerungen, vor allem von künstlerischer oder wissenschaftlicher Darstellung, siehe Stoff (Literatur)
ja:布
WitterungDer Ausdruck Witterung bezeichnet
#den Wettercharakter über einen bestimmten Zeitabschnitt (von mehreren Tagen bis zu einer Jahreszeit) auf ein bestimmtes Gebiet bezogen.
#in der Jägersprache den Geruchssinn des Tieres bzw. den vom Tier wahrgenommenen Geruch.
Arbeit (Soziologie)Arbeit ist eine zielbewusste und sozial durch Institutionen (Bräuche) abgestützte besondere Form der Tätigkeit, mit der Menschen seit ihrer Menschwerdung in ihrer Umwelt zu überleben versuchen. Dabei ist ihr Charakter zwiespältig: Sie stellt immer sowohl etwas her wie sie auch etwas zerstört, wobei dies Zuschreibungen sind, die von einem Beobachterstandpunkt abhängen.
Zur Anthropologie der „Arbeit“
Es ist bereits strittig, ob man zielgerichtete körperliche Anstrengung von Tieren (z. B. den instinktiven Nestbau oder das andressierte Ziehen eines Pfluges) als „Arbeit“ bezeichnen kann. Die „Philosophische Anthropologie“ geht zumeist davon aus, dass „Arbeit“ erst im Tier-Mensch-Übergangsfeld erscheint (vgl. z.B. Friedrich Engels’ Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, MEW 20). Dabei wird meist angenommen, dass die Resultate menschlicher Arbeit (als „Gegenstände“) wie in einem Spiegel dem Menschen sich selber zeigen, so dass er angesichts ihrer des Selbstbewusstseins mächtig wird. Das könnten aber auch andere menschliche Tätigkeiten bewirken, so dass „Arbeit“ gerade in ihren ursprünglichen Formen schwer von anderen menschlichen Überlebensstrategien wie Spiel oder Kunst zu trennen ist. Seit der Urgeschichte ist (so Karl Bücher) ein Basiszusammenhang von Arbeit und Rhythmus anzunehmen (vgl. das Arbeitslied).
Wortgeschichte
Das Wort Arbeit ist gemeingermanischen Ursprungs ( - arbējiðiz, got. arbeiPs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. - orbh- "verwaist", "Waise", "ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind" (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota ("Knechtschaft", "Sklaverei", vgl. Roboter).
Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort travail hat eine ähnliche, sogar noch extremere Wortgeschichte hinter sich: es leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab.
Das italienische lavoro und das englische labour (amerikanisch labor) gehen auf das lateinische labor zurück, das ebenfalls primär "Mühe" bedeutet.
Viele Redensarten sind mit ihr verbunden. So wurde harte körperliche Arbeit früher als Kärrnerarbeit bezeichnet, und eine Schweinearbeit meint unangenehm viele Arbeit: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, | der ist verrückt.
Geschichte der Arbeit und ihrer Theoretisierung
In der Antike galt, insbesondere körperliche Arbeit als Zeichen der Unfreiheit. Sklaven (dúloi) und Handwerker (bánausoi) waren der „Notwendigkeit untertan“ und konnten nur durch diese als „unfrei“ verstandene Arbeit ihre Lebensbedürfnisse befriedigen. Geistige Arbeit blieb der scholé (gespr. s|cholé) vorbehalten, was etwa „schöpferische Muße“ beschrieb, wovon das deutsche Wort Schule her rührt.
Schule" (Бурлаки на Волге), 1870-1873]]
In Europa blieben - vor allem in der Landwirtschaft - Formen unfreier Arbeit lange erhalten, am stärksten im Russischen Reich; im Deutschen Reich wurden deren letzten Überbleibsel (die Schollengebundenheit in den beiden Mecklenburgs) erst durch die Novemberrevolution 1918 beseitigt. Noch heute existieren in großen Teilen der Welt unterschiedliche Erscheinungsformen unfreier Arbeit.
Eine positive Bewertung von Arbeit als „produktiver Betätigung zur Befriedigung eigener oder fremder Bedürfnisse“ war im Rittertum und in der Mystik angelegt. Durch Reformation und Aufklärung rückte sie in den Vordergrund: Eine neue Sicht der Arbeit als sittlicher Wert und Beruf (= Berufung) des Menschen in der Welt wurde von Martin Luther mit seiner Lehre vom allgemeinen Priestertum ausgeprägt. Schärfer noch wurde im Calvinismus die Nicht-Arbeit überhaupt verworfen (siehe auch Protestantische Ethik).
In der Frühphase der Aufklärung wurde Arbeit zum Naturrecht des Menschen erklärt (Jean-Jacques Rousseau). Damit wurde das feudalistische Prinzip der Legitimation kritisiert. Eigentum entsteht einzig durch Arbeit, niemand hat ein von Gott gegebenes Anrecht auf Eigentum. Güter, die nicht durch menschliche Arbeit entstanden sind, sind Gemeinbesitz.
Adam Smith unterscheidet produktive und unproduktive Arbeit. „Produktive“ Arbeit nennt er die Arbeit, deren Resultat ein verkäufliches Produkt ist. Dazu wird nicht nur der eigentliche Wertschöpfungsprozess (beim Schmied: der Vorgang des Schmiedens selbst) gerechnet, sondern auch alle Arbeiten, die indirekt zur Vervollkommenung des Gutes beitragen (beim Schmied: das Erhalten der Glut, das Pflegen von Hammer und Amboss). „Unproduktiv“ ist hingegen die Arbeit, die nicht in einem verkäuflichen Produkt resultiert (z.B. die mütterliche Hausarbeit). Andere Arbeiten sind von diesem Standpunkt aus nicht unnütz, da sie notwendig sind, um produktive Arbeit leisten zu können, und werden heute z.B. als reproduktiv bezeichnet (beispielsweise Beamte, Verwalter, Soldaten).
Der Frühsozialist Charles Fourier proklamierte 1808 ein Recht auf Arbeit.
In der deutschen Philosophie (Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte) wird die Arbeit zur Existenzbedingung und sittlichen Pflicht erklärt. Kant räumte in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798, §87) jedoch ein, dass Faulheit eine Schutzfunktion habe: "Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte."
Nach Karl Marx' Werttheorie ist die „menschliche Arbeitskraft“ als alleinige Kraft fähig, das Kapital (als eine Ansammlung geronnener Arbeit) zu vergrößern (Mehrwert zu akkumulieren). Sie tut dies im Kapitalismus unausweichlich.
Praktisch spiegelt dies wieder, dass in der Phase der Industrialisierung freie Arbeit augenfällig zur Ware wurde und vorwiegend die düsteren Züge der damaligen Lohnarbeit annahm. So z.B. in Gestalt der Kinderarbeit, des Arbeiterelends (der „Verelendung“), der Arbeitsunfälle und –krankheiten, der drückenden Akkordarbeit – alles dies Merkmale der allgemein so empfundenen „Sozialen Frage“
Deren Folgen wurden schon seit Hegel als „Entfremdung“ charakterisiert: Der Arbeiter hat zu seinem eigenen Arbeitsprodukt, aber auch zu dem Unternehmen, für das er arbeitet, nur noch das bare Lohnverhältnis und kann dem gemäß nicht mehr stolz auf sie sein – in diesem 'Spiegel' erkennt er sich selbst jedenfalls nicht mehr wieder.
Neben der „produktiven“ Eigenschaft der Arbeit wird neuerdings (Lars Clausen) ihre „destruktive“ Seite hervor gehoben: Am auffälligsten als (harte, lebensgefährliche) Arbeit der Soldaten, aber auch bei selbst-, mitmenschen- oder umweltzerstörerischer Arbeit ist Destruktives seit je Wesensbestandteil aller Arbeit. (Anders die "vernichtende Tätigkeit", die alltags als Vandalismus auftreten kann und einen organisatorischen Höhepunkt im KZ hatte.)
Für Ernst Jünger war Arbeit nicht Tätigkeit schlechthin, sondern der Ausdruck eines "besonderen Seins, das seinen Raum, seine Zeit, seine Gesetzmäßigkeit zu erfüllen sucht" (Der Arbeiter). Daher kenne Arbeit auch keinen Gegensatz außer sich selbst. Das Gegenteil von Arbeit sei nicht Ruhe oder Muße, da es keinen Zustand gebe, der nicht als Arbeit begriffen werden könne.
Arbeit und Fortschritt der Technik
Der Soziologe Rudi Dutschke und der Politologe Bernd Rabehl meinten 1967 in einem Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger, der technologische Fortschritt könne die Erwerbsarbeit in Zukunft erheblich reduzieren: "Dabei muß man bedenken, dass wir fähig sein werden, den Arbeitstag auf fünf Stunden zu reduzieren durch moderne Produktionsanlagen, dadurch dass die überflüssige Bürokratie wegfällt. Der Betrieb wird zum Zentrum der politischen Selbstbestimmung, der Selbstbestimmung über das eigene Leben. Man wird also im Betrieb täglich debattieren, es wird langsam ein Kollektiv entstehen, ein Kollektiv ohne Anonymität, begrenzt auf zwei- bis dreitausend Leute, die also immer noch eine direkte Beziehung zueinander haben."
In der Zeit der 50ger und 60ger Jahre gab der technische Fortschritt sogar in der calvinistisch geprägten nordamerikanischen Gesellschaft tatsächlich wieder dem Gedanken Raum, dass Fortschritt zu mehr Freizeit führen könne. Zeugnisse für die Hoffnungen gaben die Schöpfungen einer bunten Pop-Kultur mit ihren Science-Fiction-Träumen wie beispielsweise der Zeichentrickserie "Die Jetsons", in der technikgestütztes Faulenzen ohne moralische Bedenken als Ideal dargestellt werden konnte.
Angesichts global unterschiedlicher Entwicklung zeigte sich jedoch, dass ein Ausruhen auf erreichtem Wohlstand in einer Region als Gelegenheit zum wirtschaftlichen Aufholen in anderen Regionen verstanden wurde. In jenem Zeitraum wurde besonders in Japan technischer Fortschritt in erster Linie als Weg begriffen, große wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen. Bis heute begrenzt somit ein Wettbewerb, in dem der verliert, der zuerst bremst, die Möglichkeit, aus technischem und technologischem Fortschritt mehr selbstbestimmte freie Zeit zu gewinnen.
Zudem prägte Robert Solow in der Wirtschaft bereits 1956 mit seinem Wachstumsmodell die Auffassung, dass technologische Innovation in erster Linie als ein Multiplikator des Faktors Arbeit aufträte, womit er in der Dogmengeschichte der Wirtschaft einen Ankerpunkt schuf, der bis heute den Raum des Denkbaren gegenüber möglichen Alternativen wirkungsvoll abgrenzt. So schafft in der heutigen Arbeitswelt technischer Fortschritt dort, wo er Freiräume erweitert, vorwiegend und sogar mit zunehmender Geschwindigkeit immer neue Arbeit. Dort, wo Technik schon vor Beginn des Industriezeitalters die Menschen von Arbeit befreite, wurden sie oft nicht freier, sondern arbeitslose Geächtete.
Arbeit heute
Nach wie vor wird „Erwerbsarbeit“ nicht mit „Arbeit“ überhaupt gleichgesetzt. Wo „Arbeit“ auch heute noch nicht „Ware“ ist, sind zwei wesentliche Aspekte hervor zu heben:
- Die nach wie vor in sehr vielen Gesellschaften dominante Subsistenzarbeit ist weiterhin die Arbeit, die der Mensch verrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu produzieren und so sein Überleben zu sichern (englische Entsprechung: w:Labour),
- als Selbstproduktion gibt schöpferische Arbeit – auffällig in den Künsten – in allen Gesellschaften Menschen die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten (sich in ihr wieder zu erkennen) (englische Entsprechung: w:Work).
In den wohlhabenden Staaten der Welt (zu denen auch Deutschland zählt), wird die Erwerbsarbeit knapp. Es findet eine zunehmende Flexibilisierung, Virtualisierung, Automatisierung und Subjektivierung der Arbeit statt. präkäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Inhaltlich verschiebt sich die Arbeit immer mehr in den tertiären Sektor (Dienstleistungen) und in "Niedriglohnländer" (Offshoring). Zumal die Jugend- und Langzeit-Arbeitslosigkeit rücken die „Arbeit“ trotz ihres zentral wichtigen Charakters als Überlebenstätigkeit aus dem Feld der Erfahrung Vieler.
In ärmeren Ländern herrschen zugleich - zum Teil - immer noch Verhältnisse wie in der Industrialisierungsphase Europas: Kinderarbeit, Billiglohnarbeit und fehlende soziale Absicherung sind dort noch selbstverständliche Bestandteile der Arbeitswelt.
Wenn man die Arbeit als wichtigen Wert in der Gesellschaft versteht, dann ist die direkte Besteuerung der Arbeit, insoweit sie den nackten Lebensunterhalt sichert (z. B. durch die Lohnsteuer als Bestandteil der Einkommensteuer) unter dem Gesichtspunkt der Steuergerechtigkeit sehr kritisch zu betrachten.
Systematik der Arbeitsverhältnisse
Hier ist nach wie vor der Unterschied bedeutsam
- zwischen den (sehr vielfältigen) Formen so genannter 'unentgeltlicher' Arbeit, d.h. durch viele – in etwa fünf Millionen Jahren aufgetretene – Formen geldlosen sozialen Tauschs, der soziale Akteure miteinander verknüpft
- und der historisch erst seit gut drei Jahrtausenden aufgetretenen durch Waren oder Geld entgoltenen (entgeltlichen) Erwerbsarbeit.
Unentgeltliche Arbeit
Die unentgeltliche Arbeit umfasst also historisch sehr viele Formen, die auch heute vorkommen, aber nicht immer als „Arbeit“ betrachtet werden. Beispiele sind
- Tätigkeiten zum Erhalt der Lebensgrundlage (Subsistenzwirtschaft, Hausarbeit);
- der Selbstentfaltung dienende Tätigkeit (heute:Gartenarbeit, Wir arbeiten an der Wikipedia);
- freiwillige (helfende, schenkende) Arbeit, 'Gefälligkeitsarbeit' (Ehrenamt; siehe auch Bürgerarbeit, New Work);
- unfreiwillige Arbeit (Sklaverei, Zwangsarbeit); und nicht zuletzt
Erwerbsarbeit
Erwerbsarbeit kann selbständig oder in einem Beschäftigungsverhältnis geleistet werden; auch sie tritt in zahlreichen Formen auf. Beispiele sind
- Zu selbständiger bezahlter Arbeit siehe Selbständigkeit, Unternehmer, Kaufmann, Handwerker, freier Beruf, freie Mitarbeit, Werkvertrag. Siehe auch Ich-AG, Scheinselbständigkeit.
- Bei abhängiger Beschäftigung als Arbeitnehmer ist zwischen privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Beschäftigungsverhältnissen zu unterscheiden.
- Wer in der Privatwirtschaft abhängig beschäftigt ist, ist Arbeiter oder Angestellter. Zu privatwirtschaftlichen Beschäftigungsverhältnissen siehe auch Arbeitsrecht, Arbeitsvertrag, Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit. Zu irregulären privatwirtschaftlichen Beschäftigungsverhältnissen siehe Minijob, Niedriglohn-Job und atypisch Beschäftigte.
- Der deutsche Staat beschäftigt in seinem öffentlichen Dienst sowohl Arbeiter und Angestellte (privatrechtlich: mit Arbeitsvertrag) als auch Beamte, Richter, Professoren und Soldaten (öffentlich-rechtlich ein Dienstverhältnis mit Ernennungsurkunde).
Das deutsche Privatrecht unterscheidet hier analog zwischen „Werkvertrag“ (der Erfolg wird geschuldet) und „Dienstvertrag“ (der Dienst wird geschuldet).
Kritik der Arbeit
Was die zentrale Stellung der Arbeit in kollektiven Wertsystemen angeht, sagen Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit, unterscheiden sich Staatsformen und Herrschaftsmodelle erstaunlich wenig. Dennoch muss man festhalten, dass das nationalsozialistische Deutschland („Arbeit macht frei“) seine Massenmorde nicht zufällig an Menschen begann, die als „lebensunwertes Leben“ eingestuft worden waren, an Menschen also, die als Behinderte nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig waren und in Anstalten lebten. Leistung war eines der Lieblingswörter der Nationalsozialisten und Verherrlichung der Arbeit („Schönheit der Arbeit“) und extremer Sozialdarwinismus gingen Hand in Hand.
Als Kritiker der Arbeit war Paul Lafargue, Autor des Pamphlets „Le droit à la paresse“ [Das Recht auf Faulheit] (1883), in der alten Arbeiterbewegung ein Außenseiter. Lafargue verstand sich als revolutionärer Sozialist und dementsprechend schätzte er die kapitalistische Arbeitethik ein. „Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Bannfluch: Ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu reduzieren, seine Genüsse und Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach Belieben herausschindet.“
Die radikalen Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit lehnen den Arbeitszwang ab – für Reiche wie für Arme. Damit unterscheiden sie sich von Sozialisten, die sich über den Müßiggang der Reichen empören und fordern, dass alle arbeiten müssen. Hintergrund der Ablehnung des Arbeitszwangs ist die reale Möglichkeit der Aufhebung der Arbeit. Schon Lafargue meinte, dass 3 Stunden Arbeit ausreichen müssten. „Aufhebung der Arbeit“ meint jedoch nicht nur Verringerung der Arbeitszeit durch Automation und Abschaffung der Produktion von Gütern, die nur um des Profits willen hergestellt werden.
Unter kapitalistischen Bedingungen sind Arbeitslose wie abhängig Beschäftigte und auch diejenigen, die auf das so genannte Berufsleben vorbereitet werden, gleichermaßen dem System der Lohnarbeit unterworfen. Auch wer freie Zeit hat, kann diese nicht frei nutzen, sei es weil andere, mit denen man etwas zusammen tun möchte, arbeiten müssen, sei es weil die gesamte Umwelt von kommerziellen Zwängen geprägt ist. Aufhebung der Arbeit meint, dass auch weiterhin notwendige Tätigkeiten wie z. B. die Pflege gebrechlicher Menschen, einen anderen Charakter annehmen, wenn sie in einem andren nicht-hierarchischen Kontext ausgeübt werden. Dass die Menschen ohne den Zwang zu Arbeit einfach nichts tun und verhungern würden, ist nach Ansicht der Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit nicht zu erwarten, da sie ja bereits unter kapitalistischen Bedingungen freiwillig konstruktiv zusammenarbeiten, wie z. B. wikipedia beweist.
Die Tradition der Ablehnung der Arbeit wurden nach dem II. Weltkrieg von einer Gruppe junger Menschen in Paris wiederbelebt. Unter ihnen war Guy Debord. Der Slogan „Ne travaillez jamais“ ["Arbeitet niemals“] kehrte dann im Pariser Mai 68 wieder. Die Ablehnung der Arbeit spielte auch in Italien in den Kämpfen der 60er und 70er Jahre eine zentrale Rolle.
Lafargues Manifest erschien 1887 auf deutsch. Lafargue benutzte Verse von Lessing.
„Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb’ und Wein’
Nur nicht faul zur Faulheit sein.“
Von einer deutschen Tradition der Arbeitskritik kann man dennoch wohl kaum reden. Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts bemüht sich die Gruppe Krisis um eine Erneuerung der Kritik der Arbeit. Sie veröffentlichte ein „Manifest gegen die Arbeit“.
Aktuelle Schwerpunkte der Kritik der Arbeit sind die Kritik der Identifikation mit der Arbeit als zentralem Element männlicher Identität und der Zusammenhang von Arbeitskult und Rassismus (Klischees von "faulen Negern" etc.).
Zitate
- siehe auch: wikiquote - Zitate [http://de.wikiquote.org/wiki/Arbeit]
Literatur
Bücher
- Ernst Jünger: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. 1932
- Bob Black: Die Abschaffung der Arbeit, 2003, Löhrbach, ISBN 3922708048
- Harry Braverman, Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß, Frankfurt (M.) [u.a.] : Campus Verl., 1977
- Karl Bücher: Arbeit und Rhythmus, Leipzig (Hirzel) 1904
- Lars Clausen: Produktive Arbeit, destruktive Arbeit, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1988, ISBN 3110118149
- Peter Decker / Konrad Hecker: [http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/prol/prolix.htm Das Proletariat. Aufstieg und Niedergang der arbeitenden Klasse], GegenStandpunkt-Verlag München, ISBN 3-929211-05-X
- Angelika Ebbinghaus, Arbeiter und Arbeitswissenschaft ; Zur Entstehung der "Wissenschaftlichen Betriebsführung", Opladen : Westdeutscher Verlag, 1984
- Gronemeyer, Reimer (Hrg.), Der faule Neger. Vom weißen Kreuzzug gegen den schwarzen Müßiggang, Reinbek bei Hamburg 1991
- Reinhard P. Gruber: Nie wieder Arbeit. Schivkovs Botschaften vom anderen Leben, ISBN 3701706069
- Wulf D. Hund: Stichwort Arbeit: Vom Banausentum zum travail attractif. Distel Verlag, Heilbronn 1990, ISBN 3-923208-21-9
- Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848, Grafenau: Trotzdem Verlag, 5. Auflage 2004
- Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria Wölflingseder (Hg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. 2004. ISBN 3-89771-427-2
- Severin Müller: Phänomenologie und philosophische Theorie der Arbeit. Band I: Lebenswelt - Natur - Sinnlichkeit. Karl Alber, Freiburg-München 1992, ISBN 3495477314; Band II:Rationalität - Welt - Vernunft. Karl Alber, Freiburg-München 1994 ISBN 3495477322
- David Noble, Maschinenstürmer oder die komplizierten Beziehungen der Menschen zu ihren Maschinen, Berlin: Wechselwirkung-Verlag 1986
- Erich Ribolits, Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, München und Wien: Profil 1995, vgl. besonders Kapitel 5 "Schlüsselqualifikationen - der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Postfordismus"
- Holger Schatz: Arbeit als Herrschaft. Die Krise des Leistungsprinzips und seine neoliberale Rekonstruktion. 2004. ISBN 3-89771-429-9
- Helmuth Schneider u. a.:Geschichte der Arbeit - Vom Alten Ägypten bis zur Gegenwart, 1980, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, ISBN 3462013823
Zeitschriften
- Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Germinal Verlag
- Labor History, Routledge
- [http://www.wildcat-www.de/ Wildcat]
Siehe auch
- Produktive Arbeit, Unproduktive Arbeit
- Arbeitslosigkeit, Arbeitsmigration, Arbeitssoziologie, Beruf, Beziehungsarbeit, Dienst
- Arbeitsethik, Arbeit (Philosophie), Arbeit (Marxismus)
Weblinks
- [http://www.f27.parsimony.net/forum66666/ Diskussionsforum: Arbeit und Wirtschaft]
- [http://www.krisis.org/diverse_manifest-gegen-die-arbeit_1999.html Manifest gegen die Arbeit der Gruppe Krisis]
- [http://www.umwaelzung.de/manifest.html Kritik am Manifest gegen die Arbeit]
- [http://www.bpb.de/publikationen/LTPNYW,,0,Neue_Arbeitswelt.html Themen: Neue Arbeitswelt und Geschichte der Arbeit. Online-Version einer lesenswerten Ausgabe von "Aus Politik und Zeitgeschichte" der Bundeszentrale für Politische Bildung.]
- [http://www.arbeitsratgeber.com Arbeitsratgeber]
ms:Kerja
simple:Work
ReligionAls Religion wird oftmals ein in größeren Bevölkerungsgruppen verankertes System von Vorstellungen über die Existenz von Gegebenheiten jenseits des sinnlich Erfahrbaren, bezeichnet.
Diese in langen Traditionen entstandene Welterklärung bzw. Anleitung zur Lebensbewältigung wird in der westlichen Welt aufgrund christlicher Traditionen häufig mit der Kurzformel "Glaube" zusammengefasst. Hierbei handelt es sich um den zumeist institutionalisierten und organisierten Glauben an eine oder mehrere persönliche oder auch unpersönliche transzendente Wesenheiten, z.B. eine Gottheit, Geister und Ahnen) und/oder Prinzipien (z.B. Dao, Dhamma) und/oder andere Vorstellungen, wie z.B. Nirvana und Jenseits.
Nähere Bestimmung
Allerdings erfasst dieser westliche Ansatz einer Definition mit Hilfe des Begriffs "Glauben" nicht alle Religionen, da dieser Terminus in einigen Religionen nicht oder kaum existiert und damit nicht das eigentliche Merkmal dieser Religion sein kann.
Ein weiteres Problem stellt die Bestimmung einer Gemeinschaft als Religion dar. Einige Religionen beruhen auf philosophischen Systemen, bei anderen ist die politische Orientierung oder die Spiritualität sehr ausgeprägt. Eine klare Abgrenzung ist kaum möglich, Überschneidungen finden sich in nahezu allen Religionen und insbesondere bei der Rezeption durch einzelne Menschen. Den meisten Religionen sind Heilslehren, Symbolsysteme und Rituale zu eigen. Auf diesem Hintergund werden populäre Einteilungen vorgenommen.
Religiöse Vorstellungsbilder weiterzugeben und damit zu vergesellschaften, ist an die Sprachfähigkeit des Menschen gekoppelt und daher so alt wie das Sprachvermögen der Hominiden.
Als Hochreligionen werden meist Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Sikhismus, Konfuzianismus, Baha'i und Shinto verstanden (siehe auch Liste der Religionen der Welt).
Mit der wissenschaftlichen Erforschung von Religionen befassen sich insbesondere die Religionswissenschaft/Religionsgeschichte, die Religionssoziologie, die Religionsphänomenologie und die Religionsphilosophie.
Begriff und Etymologie
religio hatte im Lateinischen die unterschiedlichsten Bedeutungen: "Gottesfurcht", "Frömmigkeit", "Heiligkeit", aber auch "Rücksicht", "Bedenken", "Skrupel", "Gewissenhaftigkeit" oder "Aberglaube".
Die weitere Etymologie des Begriffs ist nicht mit Sicherheit geklärt. religare bedeutet im Lateinischen "anbinden, zurückbinden" und auch "festhalten, an etwas festmachen".
Der Begriff religio ist kein Terminus altrömischer Religion. Die frühesten Belege finden sich vielmehr erst in den Komödien des Plautus (ca. 250-184 v. Chr.) und in den politischen Reden des Cato (234-149 v. Chr.).
Nach Cicero (De Natura Deorum 2, 72) geht religio zurück auf relegere, was wörtlich "wieder aufwickeln", im übertragenen Sinn "bedenken, Acht geben" bedeutet. Cicero dachte dabei an den Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt. Lactantius (Divinae Institutiones 4, 28) führt das Wort zurück auf religare: "an-, zurückbinden". Mögliche ursprüngliche Bedeutungen von "Religion" sind demnach "frommes Bedenken" oder die "Rückbindung" an einen von Gläubigen an- bzw. wahrgenommenen universellen göttlichen Ursprung oder an sonstiges Höheres.
Religion und Religiosität
Der Begriff religio bzw. religiosus wurde im Mittelalter vor allem für den Ordensstand benutzt. Diese Bedeutung hat der Begriff bis heute im römisch-katholischen Kirchenrecht. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren für das Wort "Religion" die Bezeichnungen fides (Glaube), lex (Gesetz) und secta (Richtung, Partei) gebräuchlich. Der heutige Begriff "Religion" wurde erst nach der Reformation eingeführt. Darunter verstand man zunächst Lehren, die je nach Auffassung, entweder richtig oder falsch sein sollten. In der Aufklärung entwickelte sich dann ein abstrakterer Religionsbegriff, auf den die gegenwärtigen Definitionsansätze zurückgehen.
Im Deutschen sind die Begriffe Religion und Religiosität zu unterscheiden. Der Begriff Religiosität wird seit Ende des 18. Jh. verwendet. Religion bezeichnet demgemäß ein System - also das Äußerliche, Strukturelle, Gemeinschaftliche -, während Religiosität auf das Subjektiv-Individuelle bezogen ist, insbesondere auf das Erleben des Einzelnen.
Begriffliche Problematik
Religiosität
Wichtig bei der Betrachtung der Herkunft des Wortes ist die kritische Beobachtung seiner (ideologischen) Verwendung. Abgesehen von diesen etymologischen Unsicherheiten ist der Terminus auch heute noch problematisch. Mit der europäischen "Entdeckung" bisher in der so genannten Alten Welt unbekannter Kulturen wurde der Begriff auf Sachverhalte angewendet, die zwar Ähnlichkeiten mit dem europäischen Religionskonzept haben (zum Beispiel die Gottesverehrung), in mancher Hinsicht aber auch sehr gegensätzlich sind (zum Beispiel der Ausschließlichkeitsanspruch). Diese Differenz besteht auch zu den östlichen Religionen, was z.B. an den Übersetzungen des Wortes Religion in der jeweiligen Sprache zu erkennen ist.
Eine Folge ist, dass heute zwar viele verschiedene Religionen und Religionsformen bekannt und erforscht sind, jedoch eine auf alle Religionsgemeinschaften und -formen anzuwendende Definition aussteht und wahrscheinlich - wegen der heterogenen Theoriesysteme - auch in Zukunft nicht existieren wird.
Wissenschaftliche Ansätze zur Definition von Religion
Die Religionssoziologie und Religionswissenschaft untersuchen seit ca. 100 Jahren auf empirischer und theoretischer Grundlage Religionen als gesellschaftliche Phänomene. Dabei gibt es unterschiedliche Auffassungen über Definition und Funktion von Religion. In beiden Wissenschaften konnte man sich bisher auf eine wissenschaftliche Definition, die beschreibt, was Erkennungsmerkmale von Religionen sind und wann eine Weltanschauung als Religion bezeichnet wird, nicht einigen. Dennoch gab es vielversprechende Ansätze, an die die weitere Forschung anknüpfen kann.
Religionswissenschaft
Nach Karl Marx u. a. sind Religionen ursprünglich an eine unilaterale gesellschaftliche Praxis gekoppelt. Demnach sind Jäger-, Nomaden- und Ackerbauernreligionen (als Basalreligionen) zu unterscheiden. Nur die Nachfolger der beiden letzteren, mit dem Neolithikum entstandenen Religionen hatten noch wesentlichen Einfluß auf die heutigen Religionen Europas.
Erich Fromm bildete eine weite, sozialpsychologische Definition von Religion als jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet.
Religionssoziologische Ansätze
- Nach Émile Durkheim, Begründer der Soziologie, trägt Religion zur Festigung sozialer Strukturen aber auch zur Stabilisierung des Einzelnen bei. Sein Religionsbegriff ist somit ein funktionalistischer. Gemäß Durkheim ist die Religion ein solidarisches System, das sich auf Überzeugungen und Praktiken bezieht, die heilige Dinge beinhalten und in einer moralischen Gemeinschaft wie beispielsweise der Kirche, alle vereinen, die dieser angehören. Daraus ergeben sich drei Aspekte von Religion, die Glaubensüberzeugungen (Mythen), die Praktiken (Riten) und die Gemeinschaft, auf die diese bezogen sind. Durkheim bezeichnet unter anderen Faktoren den Glauben als ein Element der Macht, die die Gesellschaft über ihre Mitglieder ausübt.
- Ferdinand Tönnies unterscheidet Ende des 19. Jh. zwischen 'Gesellschaft' und 'Gemeinschaft'. Er betont die sinnstiftende Funktion von Religion als typisch "gemeinschaftlich" und erforscht ihre Symbolsysteme. Religiöse Gemeinschaften - wie andere traditionelle Gemeinschaften - dienen demnach der kulturellen Bindung des Individuums. Sie verlieren zugunsten der Prägung durch die Gesellschaft in der Moderne an Bedeutung für den Einzelnen. Als Kirche, das heißt als Institution, behalten sie jedoch hohen gesellschaftlichen Einfluss. Laut Tönnies ("Geist der Neuzeit") folgt gegenwärtig einem Zeitalter der Gemeinschaft ein Zeitalter der Gesellschaft. Die Funktion der Religion im ersteren werde nunmehr von der öffentlichen Meinung mehr und mehr übernommen.
- Max Weber, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts ausführlich mit dem Phänomen "Religion" aus soziologischer Sicht befasste, unterschied zwischen Religion und Magie. Unter Religion versteht er ein dauerhaftes, ethisch fundiertes System mit hauptamtlichen Funktionären, die eine geregelte Lehre vertreten, einer organisierten Gemeinschaft vorstehen und gesellschaftlichen Einfluss anstreben. Magie dagegen ist nach Weber lediglich kurzfristig wirksam, gebunden an einzelne Magier oder Zauberer, die als charismatische Persönlichkeiten vermeintlich Naturgewalten bezwingen und eigene moralische Vorstellungen entwickeln. Diese Abgrenzung versteht Weber als idealtypisch. Reinformen sind selten, Überschneidungen und Übergänge werden konstatiert.
Religionswissenschaftliche Ansätze
- Nach Clifford Geertz (1973) ist Religion ein kulturell-geschaffenes Symbolsystem, das versucht, dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu schaffen, indem es eine allgemeine Seinsordnung formuliert. Diese geschaffenen Vorstellungen werden mit einer solch überzeugenden Wirkung ("Aura von Faktizität") umgeben, dass diese Stimmungen und Motivationen real erscheinen. Solche "heiligen" Symbolsysteme haben die Funktion, das Ethos - das heißt das moralische Selbstbewusstsein einer Kultur - mit dem Bild, das diese Kultur von der Realität hat, mit ihren Ordnungsvorstellungen zu verbinden. Die Vorstellung von der Welt wird zum Abbild der tätsächlichen Gegebenheiten einer Lebensform. Die religiösen Symbolsysteme bewirken eine Übereinstimmung zwischen einem bestimmten Lebensstil und einer bestimmten Metaphysik, die einander stützen. Religion stimmt demnach menschliche Handlungen auf eine vorgestellte kosmische Ordnung ab. Die ethischen und ästhetischen Präferenzen der Kultur werden dadurch objektiviert und erscheinen als Notwendigkeit, die von einer bestimmten Struktur der Welt erzeugt wird. Die Glaubensvorstellungen der Religionen bleiben demgemäß nicht auf ihre metaphysischen Zusammenhänge beschränkt, sondern erzeugen Systeme allgemeiner Ideen, mit denen intellektuelle, emotionale oder moralische Erfahrungen sinnvoll ausgedrückt werden können. Da somit eine Übertragbarkeit von Symbolsystem und Kulturprozess vorliegt, bieten Religionen nicht nur Welterklärungsmodelle, sondern gestalten auch soziale und psychologische Prozesse . Durch die unterschiedlichen Religionen wird eine Vielfalt unterschiedlicher Stimmungen und Motivationen erzeugt, sodass es nicht möglich ist, die Bedeutsamkeit von Religion in ethischer oder funktionaler Hinsicht festzulegen.
- Jacques Waardenburg bezeichnet die Definition von Religion als 'Glauben' als ein Produkt westlicher Tradition. Dieser Begriff treffe daher nicht auf die Vorstellungen anderer Kulturen zu und sei für die Beschreibung von Religionen eher ungeeignet. Religionen können nach seiner Auffassung als Bedeutungsgefüge mit darunterliegenden Grundintentionen für Menschen angesehen werden.
- Der amerikanische Religionswissenschaftler Ninian Smart entwirft ein multidimensionales Modell von Religion und unterscheidet dabei sieben Dimensionen: 1. die praktische und rituelle, 2. die erfahrungsmäßige und emotionale, 3. die narrative oder mythische, 4. die doktrinale und philosophische, 5. die ethische und rechtliche, 6. die soziale und institutionale und 7. die materielle Dimension (z.B. sakrale Bauwerke).
Phänomene und religionsspezifische Begrifflichkeit
Um Religionen zu beschreiben, haben Menschen, die sich mit Religion(en) beschäftigten, Kriterien und Begriffe für gefundene Phänomene geschaffen. Viele dieser Begriffe sind selbst Produkte religiöser Sichtweisen und damit problematisch für das Beschreiben religiöser Phänomene, da sie oftmals religiöse Interpretationen des jeweiligen Objektes sind und höchstens einen Ausschnitt des eigentlichen Phänomens zeigen können. So ist z.B. der Begriff "Gebet" ein christlicher und beschreibt eine christliche Praktik, die nicht auf Dinge wie Meditation oder Versenkung angewandt werden kann, obgleich dies immer wieder geschieht. Dennoch gibt es in vielen Religionen ähnliche Konzepte, die miteinander verglichen und einander gegenüber gestellt werden können, wodurch ein Ordnen und Beschreiben von Religionen erst möglich wird.
Theismus und Atheismus
Versenkung]
Religionen, die einen Gott verehren, werden als monotheistisch bezeichnet, Religionen, die mehrere Götter verehren, als polytheistisch, Religionen, die das Göttliche in der gesamten Welt sehen, als pantheistisch, Religionen die sich nicht auf ein oder mehrere transzendente Wesen beziehen als atheistisch, obwohl der Atheismus als solcher keine Religion ist. Dennoch gibt es atheistische Religionen wie z.B. den Theravada-Buddhismus.
Auch einige atheistische Weltanschauungen haben an religiöse Rituale erinnernde ideologisch geprägte Formen. Man denke z.B. an die Aufmärsche und Feiern kommunistischer Staaten oder an die sozialistischen Jugendweihen. Der Faschismus bzw. Nationalsozialismus trägt ebenfalls die Züge eines extremistischen religiösen Systems. Ein Beispiel ist die quasigöttlichen Verehrung des Führers. Neuere Forschungen zur Entstehung des Nationalsozialismus widmen dieser Thematik besondere Aufmerksamkeit. Die These, dass scheinbar nichtreligiöse Systeme sich religiöser Formen bedienen, wird wissenschaftlich diskutiert (siehe auch: Politische Religion). Weitere Kategorien zur Bezeichnung von (weniger weit verbreiteten) Religionen sind indigene und animistische Religionen.
Schöpfungsmythen und Kosmologie
Häufig vermitteln Religionen eine Vorstellung, wie die Welt entstanden ist, eine Schöpfungsgeschichte und ein Bild der letzten Dinge, eine Eschatologie. Dazu gehört immer die Hauptfrage, was mit dem Menschen nach dem Tod geschieht. Themen wie Reinkarnation, Nirwana, Ewigkeit, Jenseits, Himmel oder Hölle, und was letztlich mit der Welt geschehen wird (Weltuntergang, Apokalypse, Ragnarök, Reich Gottes), sind in vielen Religionen zentral.
Religiöse Spezialisten
Die meisten Religionen kennen Priester, Prediger, Geistliche, Magier, Druiden oder Schamanen, die die Religion überliefern, lehren, ihre Rituale ausführen und zwischen Mensch und Gottheit vermitteln. Manche Religionen sprechen einzelnen dieser Menschen übernatürliche Eigenschaften zu. In vielen Religionen sind diese Personen innerhalb einer formellen Organisation tätig, in anderen unabhängig. Sie werden bezahlt oder üben ihre Tätigkeit unentgeltlich aus. In einigen Religionen werden die religiösen Rituale vom Familienoberhaupt durchgeführt oder geleitet. Es existieren auch Religionen, in denen es keinen autorisierten Vermittler zwischen dem Übernatürlichen und dem Menschen gibt.
Spiritualität und Rituale
Häufig pflegen Religionen und Konfessionen eine eigene Art von Spiritualität. Spiritualität - insbesondere im Christentum - ist das geistliche Erleben, im Gegensatz zur Dogmatik, welche die festgesetzte Lehre einer Religion darstellt. Das Ritual hingegen ist durch die Religion formalisierte Spiritualität. Im heutigen westlichen Sprachgebrauch wird Spiritualität als seelische Suche nach Gott oder einem anderen transzendenten Bezug bezeichnet, ob im Rahmen von spezifischen Religionen oder jenseits davon. In einigen Religionen finden sich Strömungen, deren Anhänger die Begegnung mit der Transzendenz oder dem Göttlichen in mystischen Erfahrungen finden.
Zu religiösen Riten gehören unter anderem Gebet, Meditation, Gottesdienst, religiöse Ekstase, Opfer, Liturgie, Prozessionen und Wallfahrten. Daneben gibt es im Alltag gelebte Frömmigkeit wie Almosen geben, Barmherzigkeit oder Askese.
Schismen und Synkretismus
Aufgrund ihrer ideologischen Momente haben Religionen die latente Tendenz zur Spaltung. Neue Religionen sind oft durch die Abtrennung einer Gruppe aus der ursprünglichen Religionsgemeinschaft entstanden.
Der Begriff Synkretismus beschreibt das gleichzeitige Ausüben von Praktiken verschiedener Religionen. Im klassischen Sinne ist er aber der Versuch, Religionen zu vereinen oder die Schaffung einer neuen Religion aus unterschiedlichen Vorgängern zu initiieren.
Seit der Aufklärung wird - vor allem im westlichen Kulturkreis - zwischen institutionalisierter Religion und persönlicher Haltung zum Transzendenten unterschieden.
Hinzu kommen seit den 1980er Jahren postmoderne Ansätze, nach denen Gruppen oder Individuen Ideen, Rituale usw. aus Religionen und anderen Weltanschauungen neu zusammenstellen und auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Dieses eklektizistische Vorgehen wird von Vertretern traditioneller Religionen zuweilen "Patchwork- bzw. Cafeteria-Religion" oder "Supermarkt der Weltanschauungen" genannt.
Religionen in Zahlen
Viele Menschen haben das Bedürfnis, zu erfahren, wie viele "Gläubige" sich zu einer Religion bekennen. Obwohl immer wieder Statistiken auftauchen, ist die Quellenlage zumeist fraglich. Auch gibt es Religionen wie das Christentum oder den Buddhismus nicht (man vergleiche das "Christentum" in Südamerika und Skandinavien). Daher sollte stets beachtet werden, dass solche Statistiken im besten Falle nur etwas über die Anzahl der Mitglieder einer Religionsgemeinschaft (ähnlich einer Vereinsmitgliedschaft) und über die Ideologie der Statistikveröffentlicher aussagen. Darüber hinaus gibt es sehr unterschiedliche Ausprägungen der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Beispielsweise werden zum Judentum häufig auch diejenigen gerechnet, die sich als Atheisten bezeichnen, zum Christentum in Deutschland alle Kirchensteuerzahler, auch wenn sie nicht gläubig sind.
eklektizistische
Statistik A - Religionen der Welt - Zugehörige
(Quelle: [http://www.adherents.com/Religions_By_Adherents.html adherents.com])
- Christentum (2,1 Milliarden)
- Islam (1,3 Milliarden)
- Atheismus, Nichtreligiöse (1,1 Milliarden)
- Hinduismus (900 Millionen)
- Traditionelle Chinesische Religionen (394 Millionen)
- Buddhismus (376 Millionen)
- Nichtafrikanische Indigene Religionen (300 Millionen)
- Traditionell Afrikanische Religionen (100 Millionen)
- Sikhismus (23 Millionen)
- Spiritismus (15 Millionen)
- Judentum (14 Millionen)
- Baha'i (7 Millionen)
- Jainismus (4,2 Millionen)
Statistik B - Religionen der Welt - Zugehörige
(Quelle: [http://www.globalchristianity.org/resources.htm David B. Barrett])
- Islam (1,313 Milliarden)
- Römisch Katholische Kirche (1,119 Milliarden)
- Hinduismus (870 Millionen)
- Nichtreligiös (769 Millionen)
- Unabhängige Christliche Kirchen (427 Millionen)
- Traditionelle Chinesische Religionen (405 Millionen)
- Buddhismus (379 Millionen)
- Protestantische Kirchen (376 Millionen)
- Ethnoreligionen (256 Millionen)
- Orthodoxe Kirchen (220 Millionen)
- Atheismus (152 Millionen)
- Afrikanische Religion (100 Millionen!)
- Neue Religionen (108 Millionen)
- Anglikaner (80 Millionen)
- Sikhismus (25 Millionen)
- Judentum (15 Millionen)
Stand Mitte 2005, Weltbevölkerung: 6,454 Milliarden.
Statistik C - Religionen in Deutschland - Zugehörige
(Quelle: [http://www.remid.de/remid_info_zahlen.htm REMID])
- Römisch-Katholische Kirche (26,46 Millionen)
- Evangelische Landeskirchen (26,21 Millionen)
- Islam (gesamt: 3,3 Millionen)
- Hinduismus (gesamt: 0,092 Millionen)
- Neuapostolische Kirche (0,38 Millionen)
- Buddhismus (gesamt: 0,21 Millionen)
- Judentum (gesamt: 0,189 Millionen)
Religion und Ethik
eklektizistischeen, in welchen ethisches Verhalten festgelegt und über die Schrift weitergegeben wird.]]
Die meisten alten Religionen hatten zugleich den Anspruch menschliches Zusammenleben durch Gesetze zu regeln (10 Gebote). Die meisten Religionen der Gegenwart haben ein ethisches Wertesystem, dessen Einhaltung sie fordern. Dieses System umfasst Vorstellungen darüber, was richtig und falsch und was gut und böse ist, wie ein Angehöriger der jeweiligen Religion zu handeln und teilweise zu denken hat. Immer also findet sich eine zugrundeliegende Auffassung über die Welt, die Natur und die Stellung des Menschen dazu darin. Obgleich sich diese Vorstellungen historisch wandeln, stehen hinter solchen religiösen Pflichten in fast allen Religionen ähnliche moralische Prinzipien. Diese sollen das konfliktarme Miteinander der Mitglieder der Religionsgemeinschaft regeln, sollen Gesellschaft und zum Teil Politik positiv beeinflussen und die Menschen individuell dem jeweiligen religiösem Ziel näher bringen. Zum Teil bieten sie für den Einzelnen einen moralischen Rahmen, der ihn psychisch und physisch stabilisieren kann.
In einigen Religionen sollen diese moralischen Gesetze der jeweiligen Überlieferung nach direkt dem Religionsstifter von der entsprechenden Gottheit überbracht worden sein und somit höchste Autorität besitzen. Nach dieser Vorstellung müssen sich auch weltliche Herrscher diesen ethischen Anforderungen beugen. Gehorsam wird teilweise unter Androhung von diesseitigen oder jenseitigen Strafen gefordert oder als einziger Weg zum Heil dargestellt.
Häufig existieren noch weitere Regeln, die nicht direkt vom Stifter der Religion stammen, sondern aus den heiligen Schriften und anderen Tradierungen der jeweiligen Religion abgeleitet werden (z.B. Talmud, Sunna). Einige dieser Normen verloren im Laufe der historischen Entwicklung für viele Gläubige ihren Sinn und wurden in einigen Fällen den sehr unterschiedlichen Wertesystemen der entsprechenden Zeit angepasst.
Ethik im Judentum und Christentum
Die gelebte Ethik von Judentum und Christentum unterscheidet sich unter anderem dadurch, ob die jeweilige Religion mit einem weiten individuellem Denk- und Handlungsspielraum, traditionell oder fundamentalistisch ausgelegt wird. Auch innerhalb der einzelnen Religionen gibt es häufig unterschiedliche Schulen, welche die jeweilige Morallehre verschieden auslegen und anwenden. So gab es z.B. im Christentum Strömungen, die das Alte Testament aufgrund der darin sehr gewalttätig wirkenden Gottheit "verbannen" wollten.
Judentum und Christentum verbindet in ihren ethischen Systemen beispielsweise der Gedanke an eine Endzeit. Dieses lineare Verständnis von Zeit bedeutet, dass die Gläubigen im Diesseits nach den von ihrer Gottheit geforderten Regeln leben, um den Lohn dafür in einer späteren Zeit zu erhalten; obgleich die Gottheit auch im Diesseits schon wirken kann. Allerdings wird im Protestantismus ebenso oftmals die göttliche Gnade für ausschlaggebend gehalten, auch teilweise unabhängig von der Befolgung moralischer Postulate. Das Judentum ist weniger jenseitsbezogen jedoch gebotreicher als das Christentum, was sich u.a. im hebräischen Wort für Religion, nämlich Torah (Gesetz), widerspiegelt. Ähnlich wie im Hinduismus gibt es genaue Anweisungen, wie die Handlungsweisen des Mitglieds in der Gruppe sein sollen. In den christlichen Religionen sind durch die Relativierungen ihres Stifters und die neuplatonischen Einflüsse weit weniger Richtlinien vorgegeben - beispielsweise die Zehn Gebote.
Ethik im Islam
Die Ethik im Islam ist ähnlich wie im Judentum sehr stark an Gebote für einzelne Situationen gebunden. Der Koran gibt genaue Anweisungen für die Handlungen des Einzelnen in der Gruppe. Wichtig für den Islam ist eine kollektive Verantwortung für Gut und Böse. Dies wird beispielsweise in der Anweisung al-amr bil ma'ruf wa n-nahi an al-munkar (das Gute befehlen und das Schlechte verbieten) deutlich. In Folge besteht die Gefahr einer unumschränkten Befehlsgewalt der Gemeinschaft (siehe auch Hisba). Der Islam geht in seinen Hauptrichtungen Sunna und Schia von der Prädestination (Vorherbestimmung) aus, die dem Individuum nur begrentzten Handlungsspielraum zugesteht.
Ethik bei den "östlichen Religionen"
Religionen wie der Buddhismus, der Hinduismus oder auch der Daoismus stellen ebenso ethische Anforderungen, wie unter anderem die Überwindung von Hass, Habgier, Lüge sowie besonders Gewaltlosigkeit. Dabei werden die Regeln an einer angenommen kosmischen Gesetzmäßigkeit bzw. einem Weltprinzip ausgerichtet (z.B. Dharma im Hinduismus und im Buddismus, Dao im Daoismus). Dieses kosmische Weltprinzip beinhaltet ethische Vorgaben für jedes Individuum. Von den Anhängern wird erwartet, die Gesetzmäßigkeiten des Daseins zu erkennen und entsprechend zu handeln. So existieren z.B. Tötungsverbote, die sich teilweise auch auf Tiere beziehen.
Abweichendes Verhalten wird in solchen Religionen weniger von der Religionsgemeinschaft sanktioniert, sondern soll vor allem negative Konsequenzen für das Individuum z.B. in einer der nächsten Existenzen nach sich ziehen (im Hinduismus, Buddhismus, Jainismus innerhalb der Vorstellung von Karma und Wiedergeburt, Samsara); im Daoismus und chinesischen Buddhismus äußern sich diese Konsequenzen z.B. innerhalb der daoistischen bzw. buddhistischen "Hölle", wo grausame Strafen auf Missetäter warten.
Die populäre Annahme, dass "östliche Religionen" bedingt durch deren Ethik weniger zu Gewalt neigen, kann wissenschaftlich nicht bestätigt werden, da Gewalt eher von den jeweiligen Machthabern, als von den religiösen Autoritäten selbst ausgeht. Aber, religiös motivierte Gewalt, wie wir sie aus der Kreuzzugs-, Conquista-, Missionierungs-Historie im christlichen Kulturkreis oder auch im Rahmen der islamischen Expansion kennen, tritt im Kulturkreis östlicher Religionen deutlich seltener auf.
Siehe auch: Buddhistische Ethik
Ethik bei indigenen Kulturen
Indigene Kulturen, die oftmals auch mit den problematischen Begriffen "Naturvölker" oder "Stammeskulturen" bezeichnet werden, weisen häufig Moralsysteme auf, welche die Gemeinschaft schützen sollen. Da nur durch ein funktionierendes Sozialbewusstsein das Überleben der Gruppe gesichert werden kann, steht ein prosoziales Verhalten im Mittelpunkt der mündlich weitergegebenen Verhaltensweisen. Diese "Naturreligionen" beinhalten weiterhin Rituale zur Beeinflussung ihrer Götter bzw. Naturgewalten.
Religion nach der Aufklärung
Die Aufklärung bringt einen Wandel des Religionsverständnisses: Verstand man in den vormodernen Gesellschaften unter Religion die öffentliche Verehrung der Götter (lat. religio), so verschiebt sich die Religion jetzt ins Private. Sie wird zur Religiosität, zur inneren Haltung des frommen Individuums. Als Vordenker dieser Haltung gilt der Theologe Schleiermacher, der in seinem Buch Über die Religion (1799) schrieb: "Religion ist nicht Metaphysik und Moral, sondern Anschauen und Gefühl".
Dementsprechend ist seitdem - im Gegensatz zu den vorzeitlichen und vormodernen christlichen Gesellschaften, in denen alle Bereiche menschlichen Lebens unter der Autorität der Religion standen - eine Tendenz bemerkbar, die zunehmend Bereiche der Gesellschaft aus dem Herrschaftsbereich der Religion ausgliedert. Beispielsweise beanspruchen die Natur- und Geisteswissenschaften verbunden mit der Idee eines natürlichen Grundrechts Autorität in Fragen zu Evolution oder Ethik/ Recht - Bereiche, die zuvor der Religion unterstanden. Diese Entwicklung wird als Säkularisierung bezeichnet. Erklärungsversuche für dieses Phänomen beziehen sich oft auf die Industrielle Revolution, die allmähliche Überwindung des Ständestaates und den damit verbundenen ökonomischen, sozialen, kulturellen und rechtlichen Wandel.
In Europa verlor das Christentum im späten 19. Jahrhundert Jahrhundert und im gesamten 20. Jahrhundert hinsichtlich seiner Reputation, seines gesellschaftlichen und politischen Einflusses und seiner Verbreitung an Bedeutung. Einige traditionell christliche westliche Länder verzeichnen sinkenden Klerikernachwuchs, Verkleinerung der Klöster und ein Anwachsen von Kirchenaustritten oder andere Formen von Distanzierung. In den meisten europäischen Staaten gehörten im Jahr 2005 mehr als 50 % der Einwohner einer christlichen Kirche an.
Besonders im Gebiet der ehemaligen DDR, deren Regierung die Verbreitung einer atheistischen Weltanschauung förderte und in Frankreich, wo Napoleon die Schließung und Enteignung von Klöstern anordnete und Anfang des 20. Jahrhunderts eine strikte Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt wurde, ging der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen zurück. Studien im Vereinigten Königreich belegen rückläufige Besucherzahlen in Kirchen, Synagogen und anderen religiösen Einrichtungen, obwohl die Kirchen hier Umfragen zufolge weiterhin zu den reputierten öffentlichen Einrichtungen zählen. In Polen, Irland, Spanien und Italien gilt die katholische Kirche, der jeweils mehr als 80 % der Bewohner angehören, als einflussreich.
In den meisten europäischen Ländern wurde früher oder später das Recht auf Religionsfreiheit gesetzlich verankert. Davor waren auch nichtreligiöse Menschen in aller Regel in religiöse Organisationen eingebunden, da eine demonstrative Abwendung von der Religion zu Diskriminierungen führen konnte. Diese Gruppe sieht derzeit weniger Gründe, sich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen. Während des Kommunismus konnte in einigen Ostblockstaaten eine religiöse Orientierung zu formellen und informellen Benachteiligungen führen. In vielen europäischen Ländern ist es nach wie vor üblich, zumindest formell, einer Religion anzugehören.
Parallel zur Säkularisierung kam es sowohl im protestantischen als auch im katholischen Raum zu einer vertieften und bewussteren Teilnahme am kirchlichen Leben von Seiten einer Minderheit von engagierten und häufig kritischen Laien. Auch junge Menschen wenden sich im Zuge ihrer Sinnsuche seit Ende des vorigen Jahrtausends häufiger wieder der Religion zu.
Im Gegenzug zur Säkularisierung in Europa gewinnt die Religion in der übrigen Welt partiell an Einfluss. In den USA und Lateinamerika beispielsweise zeigen empirische Studien , dass die Religion nach wie vor ein wichtiger Faktor ist. In Afrika südlich der Sahara wuchs das Christentum im 20. Jahrhundert von 8 auf 335 Millionen Gläubige. In der oft konservativen arabischen Welt ist der Islam nach wie vor das prägende Element der Gesellschaft. Auch in China zählen, trotz jahrelangem staatlich verordnetem Atheismus, die Weltreligionen wieder circa 100 Millionen Anhänger.
Positive und negative Wirkungen von Religion
Oft wird der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern einer Religion in Form einer Schaden-Nutzen-Analyse ausgetragen. Allerdings sagt das wenig über den Wahrheitswert von religiösen Botschaften aus. Dies sollte im Folgenden bedacht werden.
Positive Wirkungen
Dass viele Menschen trotz Aufklärung und moderner Religionskritik an ihrem Glauben festhalten, hat mit positiven Erfahrungen zu tun, die sie mit ihrer Religion verbinden.
Religionen postulieren eine Realität jenseits des physisch Wahrnehmbaren sowie oft ein Leben nach dem Tod. Sie ermöglichen so eine Sinngebung, die als fundierter empfunden wird als eine Sinngebung, die durch die als unbefriedigend erlebte Welt und die eigene Sterblichkeit limitiert ist. Sie bieten ihren Anhängern häufig stabile soziale Strukturen. Fast alle Religionen setzen einen, oft rigorosen, ethischen Standard. Manche Menschen befürchten, ohne solches religiöses Fundament würden ethische Standards in der Praxis stark reduziert ("Ohne Gott ist alles erlaubt."). Diese moralischen Postulate sind wichtig, um die Gesellschaft und den einzelnen selbst vor destruktiven Exzessen zu schützen.
Religiöse Aktivitäten, wie Gebet oder Meditation oder auch die Sinneseindrücke und Symbolik von religiösen Zeremonien, führen bei manchen Menschen zu spirituellen Empfindungen. Religiöse Gemeinschaften können ihren Mitgliedern Inspiration für Mitgefühl, praktische Nächstenliebe und moralische Selbsteinschränkung bieten.
Alle Weltreligionen und darüber hinaus die meisten kleineren Religionen, fordern Barmherzigkeit von ihren Mitgliedern, das heißt, sie sollen sich fürsorglich um andere Menschen kümmern. Hierbei ist es weitgehend unerheblich, ob diese der eigenen Religionsgemeinschaft angehören oder nicht. So ist im Islam z.B. vorgeschrieben, dass jeder einen festen Anteil seines Einkommens für soziale Zwecke spenden soll. Besondere Hilfe und Fürsorge wird den Mitgliedern der eigenen Religionsgemeinschaft zuteil. Ein besonderer Aspekt der Religion ist der Frieden stiftende, welche besonders im Gebot der, in einigen Religionen postulierten, Feindesliebe Ausdruck findet. Alle diese Werte und Haltungen werden in unterschiedlicher Weise auch in nicht religiös orientierten Gruppierungen vertreten.
Es lässt sich beobachten, dass beispielsweise das Christentum in der Vergangenheit für die Gründung vieler großer Universitäten und Schulen, den Aufbau von Hospitälern, den Vorläufern der heutigen Krankenhäuser, das Verteilen von Nahrungsmitteln und die Schaffung von Waisenhäusern verantwortlich war. Andere Religionen und weltliche Organisationen haben im Rahmen ihrer Kulturen und im Verhältnis zu ihrer Größe und ihrem Reichtum vergleichbare Leistungen vorzuweisen.
Forschungen von Abraham Maslow nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten, dass die Überlebenden des Holocaust oft diejenigen mit starken religiösen Überzeugungen (nicht notwendigerweise Tempelbesuch etc.) waren. Die humanistische Psychologie untersuchte, ob eine religiöse oder spirituelle Persönlichkeitsprägung mit längerer Lebensdauer und besserer Gesundheit verknüpft ist. Viele Menschen brauchen möglicherweise insbesondere religiöse Bindungen, weil diese verschiedene emotionale Bedürfnisse, wie das Bedürfnis, geliebt zu werden, das Bedürfnis, zu einer gleichförmigen Gruppe zu gehören, das Bedürfnis nach verständlichen Erklärungen oder das Bedürfnis nach Gerechtigkeit befriedigen.
Maslows Ergebnisse haben sich in anderen Zusammenhängen nicht als wiederholbar erwiesen. Die These einer Korrelation zwischen Religion und Gesundheit bzw. Lebensdauer eines Individuums ist daher wissenschaftlich umstritten. Der besondere Umstand, dass Maslow ausschließlich Überlebende des Holocaust befragt hatte, und dass Religion das primäre Auswahlkriterium für die Forschungssubjekte war, könnte zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt haben.
Religion kann auch, soweit sie moralische Leistungen - gute Taten - fordert, neben Hilfe im Einzelfall, begrenzte oder umfassende Reformen und Verbesserungen des rechtlichen oder wirtschaftlichen Systems einer Gesellschaft motivieren.
Negative Wirkungen
Die stärkste Form negativer Wirkung stellen Kriege und andere Gewalttaten dar, die mit religiösen Auffassungen begründet werden. Dies werten Gläubige zumeist als Missbrauch ihrer Religion, während Religionskritiker von einer allen Religionen immanenten Tendenz zu "Fanatismus und Grausamkeit" ausgehen.
Im Westen beispielsweise wurde der römisch-katholischen Kirche die Inquisition vorgeworfen. Andere Verbrechen im Namen der Religion vor christlichem Hintergrund sind beispielsweise Kreuzzüge, Hexenverfolgung, Judenverfolgung, Gewalttätige Formen der Missionierung sowie teilweise die Unterstützung von an sich atheistischen Diktaturen und die ambivalente Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus. Der Kirchen- und Religionskritiker Karlheinz Deschner hat in seinem auf zehn Bände angelegten Werk Kriminalgeschichte des Christentums eine Fülle historischen Materials zu diesem Thema ausgewertet, kommentiert und für den Laien verständlich aufbereitet.
In den meisten demokratisch regierten Ländern werden Religionen von der Politik mehr oder weniger getrennt. Wenn man die Auswirkungen einer Säkularisierung im direkten Vergleich mit einem religiös gebundenen System wissenschaftlich, d.h. empirisch, untersucht, werden die Vor- und Nachteile beider Ansätze deutlich. Hierbei wird das oben behandelte Problem der Definition eine Rolle spielen: denn nicht alles, was unter dem Terminus "Religion" subsummiert wird, hat die gleichen Konsequenzen, wenn politische Macht ausgeübt wird. (vgl. hierzu die Untersuchungen Max Webers zu der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung in protestantischen und katholischen Ländern).
Wo religiöse Kräfte zu viel Einfluss auf nationale und supranationale politische Strukturen haben, prägen sie entweder die Gewalt der jeweiligen Regierung oder werden von ihr geprägt. Die beiden Fälle lassen sich nicht immer deutlich unterscheiden:
- Seit der islamistischen Revolution von 1979 wurden in Iran tausende von Menschen wegen sogenannter Verbrechen gegen die Religion inhaftiert, gefoltert und oft sogar ermordet. Frauen werden systematisch benachteiligt und schon wegen einer Nichteinhaltung von Bekleidungsvorschriften bestraft. Wegen sogenannter moralischer Verfehlungen können sie legal öffentlich gesteinigt werden. Homosexualität gilt als Verbrechen. Religiöse Minderheiten und politische Dissidenten werden strafrechtlich und von den sogenannten Religionswächtern verfolgt.
- Im christlichen Namibia kam es in den 1990er Jahren zu Gewalttätigkeiten gegenüber Homosexuellen, die von religiösen Autoritäten aber teilweise auch von der Regierung für eine langdauernde Dürre verantwortlich gemacht wurden.
- In Indien gibt es von Zeit zu Zeit Ausschreitungen von Hindus vor allem gegenüber Muslimen. Vereinzelt kommt es auch zu Gewalttätigkeiten gegenüber Christen. So verbrannte der Mob in einem hinduistischen Dorf 1999 den christlichen Leiter eines Lepraspitals zusammen mit seinen Söhnen lebendigen Leibes in seinem Auto.
Hinzu kommt, dass religiöse Autoritäten aller Religionen für ihre Gläubigen oft Vorschriften erlassen, die die Privatsphäre reglementieren sollen. Wie in allen Weltanschauungen, so gibt es auch in den Religionen einen sichtbaren Widerspruch zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. Während Machtmissbrauch und andere Missstände im Mittelalter und der frühen Neuzeit häufig zu religiösen Erneuerungsbewegungen führten, haben sie gegenwärtig eher eine Abkehr von der Religion zur Folge.
Viele Religionskritiker betrachten religiöse Belehrungen in der frühen Kindheit als Mittel zur Anpassung an veraltete Normen. Erziehung zu religiösem Fanatismus wird von diesen, aber auch von religiös orientierten Menschen, häufig als Gehirnwäsche kritisiert.
Manche stimmen weiter mit der marxistischen Sichtweise überein, wonach "Religion das Opium des Volkes" sei, also zur passiven Hinnahme ökonomischer und sozialer Machtstrukturen beitrage. Die Kritik wirft insbesondere Christen vor, durch die Hoffnung auf ein Jenseits im Diesseits keine gesellschaftlichen Veränderungen mehr hervor zu bringen. In der Tat haben sich kommunistische Staaten anders entwickelt als christliche Staaten. Tatsächlich gab es aber christliche Staaten, die in Erstarrung verharrten, während andere große Reformen erlebten.
Hingegen verlangen manche säkularisierte Formen von Religion so wenig Engagement, dass sie kaum Einfluss auf das Leben ihrer Mitglieder ausüben. Viele davon gehören nur formell einer Religionsgemeinschaft an, was auf ihr Alltagsleben kaum Auswirkungen hat. Nur zu bestimmten Gelegenheiten werden einige religiöse 'Dienstleistungen' in Anspruch genommen.
Siehe auch
- Portal:Religion, Atheismus, Agnostizismus Religionskritik,
Literatur
- Primärquellen: Die Bibel, ISBN 3460330074; Der Koran, ISBN 3937229760; Der Talmund, ISBN 3937229787 (o. Hrsg.)
- Cancik, Hubert (Hrsg.), Die Religionen der Menschheit, 36 Bde, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, wird seit 1979 fortlaufend überarbeitet.
- Weber, Hartwig, Lexikon Religion, Reinbek, 2001, ISBN 3499606291
- Markus Witte (Hrsg.): Der eine Gott und die Welt der Religionen. 1. Aufl. Religion & Kultur-Verlag, Würzburg 2003 ISBN 3933891140
- René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Fischer TB, ISBN 3596109701
- Erwin Fahlbusch (Hrsg.): Taschenlexikon Religion und Theologie, 5 Bde, Vandenhoeck & Ruprecht, 1983, ISBN 3-525-50123-4
- Hans- Michael Haußig: Der Religionsbegriff in den Religionen, Berlin, Philo 1999
- Wulf Meth (Hrsg.): Handbuch Weltreligionen: eine umfassende Einführung in Gedanken und Riten der Weltreligionen, R. Brockhaus, 2003, ISBN 3-417-24779-9
- Geertz, Clifford (1987) Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/M.: Suhrkamp
- Friedrich D. E. Schleiermacher (1799): Über die Religion, Reclam, Ditzingen ISBN 3150083133
- Vinnai, Gerhard: Jesus und Ödipus. 1999. Fischer-TB.-Vlg. Frankfurt/M. ISBN 3596144787
Weblinks Deutsch
- [http://www.religion-links.de.vu Links zu Religionen und religionswissenschaftlichen Seiten]
- [http://www.religion-online.info/ Informationsplattform Religion (REMID)]
- [http://www.kirche.at/ Staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften in Österreich]
- [http://www.weltethos.org/ Stiftung für eine Weltethik]
- [http://www.relinfo.ch/ Evangelische Informationsstelle Kirchen - Sekten - Religionen]
- [http://www.rpi-virtuell.net/ Religionspädagogische Plattform: Artikel über Religionen, Weltanschauungen und Persönlichkeiten]
- [http://www.c6-magazin.de/monatsthema/2005/09-religionen Dossier über Religion und Glaube]
- [http://members.aol.com/ehsdober/reli/glossar.html Glossar religiöser Begriffe]
- [http://www.dittmar-online.net/religion/index.html Psychologie, Religion und Glauben]
- [http://www.religionen.at/ Verschiedene Religionen und Glaubensüberzeugungen]
Weblinks Englisch
- [http://www.bbc.co.uk/religion/ Religion & Ethics] (BBC; englisch)
- [http://religion-wiki.wikicities.com/wiki/Main_Page religion-wiki] - Koexistenz: alle Sprachen, alle Religionen
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ja:宗教
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KleidercodeKleidercode, durch Elemente der Kleidung signalisiert eine rollensprezifische Zugehörigkeit und Zuordnung zur Gruppe und zur Hierarchie und den durch den Kleidercode signalisierten Ansprüchen darauf (Hauptmann von Köpenick). Das Gegenbild ist die Nacktheit, die wie die Entblößung jedoch auch zum Mitteilungspotential des Kleidercode gehört (Hans Christian Andersen: Des Kaisers neue Kleider [http://gutenberg.spiegel.de/andersen/maerchen/kaisersn.htm])
Zum Unterschied zu Kleiderzwang und Kleiderordnung ist der Kleidercode eine sich stark wandelnde Form der Selbstorganisation sozialer und mehr oder weniger geschlechtsspezifischer Verhaltensnormen, die sich teilweise als Moden artikulieren. Dementsprechend gibt es starke Unterschiede zwischen Zeitstilen und Alters- bzw. Generationsstilen.
Das Zeichensystem des Kleidercode insgesamt umfaßt neben Kopfbedeckungen (Hut als Zeichen der Freiheit), Frisuren und Schnittformen, auch Farben und auch Marken und ist mit bestimmten "schicklichen" Haltungs- und Bewegungsformen, ja selbst mit sprachlichem Ausdruck verbunden. Der Kleidercode stellt nicht allein Hierarchieansprüche innerhalb der Sozialsysteme dar (Rang, Titel, Insigne, Orden, Gehalt), sondern ist auch für die Orientierung und Funktionsabgrenzung innerhalb der Sozialsysteme notwendig. Daher unterscheiden sich "zünftige" Arbeits-, Geschäfts-, Freizeit- und Festkleidung.
Das Zeichensystem erlaubt die Unterscheidung zwischen Kellner und Gast genauso wie es den Stationsbeamten als Ansprechpartner ausweist oder im Militär die Verantwortlichkeit (Uniform). Der Kleidercode umgrenzt auch Sozialräume (Uniform- und Frackzwang, Tracht der Mönche, Kastenzugehörigkeit) und signalisiert die Ausgrenzung (Judenstern, Gefängniskleidung, Teeren und Federn etc.) genauso die Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen, Traditionen und Weltanschauungen (Kopftuch). Der Kleidercode als persönliche Reklame (Selbstinszenierung) umfaßt Styling und Outfit. Hier gibt es jenseits der Nationaltrachten auch im internationalen Stil deutliche Unterschiede zwischen Europa und anderen Kontinenten.
Eine Variante der Selbstinszenierung ist die Meinungsäußerung durch den Kleidercode durch Aufdrucke (T-Shirt) und Buttons. Eine Besonderheit stellt dabei der soziale Rollentausch anläßlich des Karnevals und der Kostümfeste dar.
Spezifischen Kleidercodes widmen sich die sogenannten Benimmbücher (Knigge): Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus. Wende einige größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst.
Kleidercodes
- Liste der Kleidungsstücke
- Uniform (Militäruniform)
- Ziviluniform
- Festkleidung
- Liturgisches Gewand
- Business-Mode
- Freizeitkleidung
- Sportkleidung
- Arbeitskleidung
- Standeskleidung
- Zunftkleidung
- Tracht
- Volkstracht
- Hochzeitskleid
Kategorie:Kleidung
Kategorie:Soziologie
Tuareg
Die Tuareg (pl., sing.: Targi, arab.: "Tawariq" sing.: "Tarqi" bedeutet von Gott Verstoßene), Selbstbezeichnung Imazhigen/Imaheren (die Freien) oder Kel Tamasheq/Kel Tamajaq (Tamasheq-Sprecher), sind ein Berbervolk, das in der Sahara lebt. Tamascheq ist die Bezeichnung der Sprache. Sie leben nomadisch in den Ländern Mali, Algerien, Niger, Libyen, Mauretanien, Burkina Faso und Nigeria. Es gibt ungefähr eine Million Tuareg.
Geschichte
Die Tuareg stammen von den Berbern ab. Sie sollen Nachkommen der Garamanten sein, die im 7. Jahrhundert von den Muslimen aus dem Fessan vertrieben wurden. Sie breiteten sich zunächst in der zentralen Sahara aus, wobei sie das Wüstenvolk der Tubbu in das Tibestigebirge abdrängten. Nach dem Untergang des Songhaireichs im 16. Jahrhundert, drangen die Tuareg zunehmend auch in die Sahelzone ein und errangen in der Folgezeit u.a.die Kontrolle über Timbuktu.
Im 19. Jahrhundert leisteten sie der französischen Kolonialmacht lange Zeit heftigen Widerstand. Erst 1917 kam es zu einem Friedensvertrag mit Frankreich. Mit dem Ende der französischen Kolonialmacht in Westafrika wurde das Siedlungsgebiet der Tuareg zwischen den Staaten Mali, Niger und Algerien aufgeteilt, wobei kleinere Gruppen der Tuareg auch in Libyen und Burkina Faso leben. 1990-1995 kam es zu Aufständen der Tuareg in Mali und Niger aufgrund der Unterdrückung und Ausgrenzung durch die jeweiligen Regierungen. Ein Führer des Tuareg-Aufstandes war Mano Dayak.
Hauptstadt des Nomadenvolkes, so man ihnen überhaupt eine Stadt zuordnen darf, ist Agadez im Niger.
Kultur und Religion
Die meisten Tuareg sind nomadische Viehzüchter, daneben gibt es traditionell noch Schmiede, Kamelzüchter, Karawanenführer.
Sie sind mehrheitlich Muslime. Die Gesellschaft ist hierarchisch aufgebaut. Es gibt Adlige und Vasallen, früher auch Sklaven (Iklan: oft schwarzafrikanische Gefangene, im Gegensatz zu den hellhäutigen Tuareg). Allerdings löst sich diese traditionelle Gesellschaftsaufteilung zunehmend auf.
Die bevorzugte Farbe der Männerbekleidung ist blau. Auch sind bei den Tuareg die Männer mit einem Gesichtsschleier ausgestattet, sehr im Gegensatz zur üblichen islamischen Gepflogenheit. Es geht darum den Mund zu verdecken, da Körperöffnungen als unrein gelten. Das Gesicht der Frauen ist nach Berberart unbedeckt. Aber die Tuareg-Frauen ("Targia") tragen ein Tuch, mit dem sie den Mund in Anwesenheit ranghoher Männer (z.B. Schwiegervater) verdecken. schwarzafrikanisch
Die Tuareg besitzen mit dem Tifinagh auch ein eigenes Schriftsystem. Die Kinder bringen sich untereinander die Schrift auf spielerische Weise bei.
Siehe auch: indigene Völker
Trivia
"Targui" ist der Name eines Brettspiels, erschienen beim Jumbo-Verlag, welches das Leben der Tuareg in der Wüste simuliert.
Weblinks
- http://www.moula-moula.de - Kommentierte Fotogalerie und viel Wissenswertes (von Günter Heckenhahn)
- http://www.tuareginfo.de - Sehr informative Site im Umfeld eines Shops (von Petra Bode)
Kategorie:Afrikanische Ethnie
Kategorie:Matriarchales Volk
Kategorie:Indigene Völker
PeulDie Fulbe, im deutschen Sprachbereich auch unter ihrem englischen Namen Fula oder Fulani und ihrem französischen Namen Peul oder Peulh bekannt, sind ein ursprünglich nomadisches westafrikanisches Hirtenvolk.
Die Eigenbezeichnung lautet: Halpular (die Pular sprechen) oder Fulbe (Mehrzahl) und Pullo (Einzahl). Zu den Fulbe gehören auch die Tukulor in Mauretanien und Senegal.
Die Bevölkerung der Fulbe umfasst etwa sieben Millionen Menschen (allerdings sind diese Zahlen höchst zweifelhaft, da sie nicht auf Fakten, sondern auf Schätzungen basieren), die in meist größeren Gruppen in der gesamten Sahelzone von Mauretanien, Senegal und Guinea über Nigeria und Kamerun bis in den Tschad und den Sudan leben.
Ursprung
Die Fulbe sind, vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtet, ein sehr interessantes Volk, da ihre Herkunft bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Die Frage über ihre Herkunft stellt sich aufgrund der Tatsache, dass sie zuweilen phänotypisch stark von ihren Nachbarn abweichen. Sie sind häufig sehr hellhäutig und haben "feinere" Gesichtszüge: schmale Nasen und Lippen, ovale, längliche Gesichter. Von daher kursieren viele Theorien über ihre Herkunft, einige davon sind sehr fantasievoll und lassen sie aus der Südsee kommen. Zwei Hypothesen zu ihrem Ursprung erscheinen plausibel: Die des saharanischen und die des altägyptischen Ursprungs. Die saharanische Hypothese besagt, dass die Ethnogenese der Fulbe in der Zeit der Rinderperiode in der Sahara (4500 v. Chr. bis 2500 v. Christus) zu lokalisieren sei. Felszeichnungen unterstützen diese Hypothese; in der Tat weisen die Felszeichnungen eine Fülle von Ähnlichkeiten mit den heute in Afrika lebenden nomadischen Hirtenvölkern auf (also z.B. den Fulbe oder Bedja). Dadurch ließen sich auch die Ähnlichkeiten, sowohl in anthropologischer als auch kultureller Hinsicht, zwischen den Hirtenvölkern Afrikas und trotz der großen geographischen Distanz zueinander, die gegeben ist, erklären.
Die Theorie des altägyptischen Ursprungs bedient sich der Linguistik, um die Frage nach der Ethnogenese zu erklären. In der Tat weisen die Fulbe und die Alten Ägypter einige markante Ähnlichkeiten auf (zwei der Clans der Fulbe tragen Namen, die mit Begriffen der altägyptischen Mystik übereinstimmen: die Ka (Dia, Diallo) und die Bâ. Auch einer der Pharaonen der 0. Dynastie trug den Namen Ka. Im weiteren Sinne wird die Verwandtschaft beider Völker durch die linguistischen Vergleiche unterstützt. Milch, die auf ägyptisch "hs3mw" (chosamou) hieß, heißt bei den Fulbe "kosam". Das Auge, auf ägyptisch "írt" (ieret), lautet auf pular "yiitere".
Die Kuh, auf ägyptisch "nk" (nak), heißt auf pular "nagge".
Dies sind nur drei Beispiele, um eine wirkliche Verwandtschaft nachweisen zu können, bedarf es eines größeren vergleichenden Wortschatzes.
Die Frage nach dem Ursprung der Fulbe könnte in Zukunft durch genetische Untersuchung hinreichend beantwortet werden.
Kultur und Gesellschaft
Die Fulbe sind traditionell ein nomadisches Volk, allerdings ist wahrscheinlich die Mehrheit von ihnen im Zuge ihrer Islamisierung sesshaft geworden. Traditionell befolgen die Fulbe einen strengen Kodex: den Pulaaku. Der Pulaaku sagt dem Pullo, wie er zu leben hat; er regiert sein ganzes Leben. Zum Pulaaku gehören traditionell auch die mystischen Vorstellungen der Fulbe.
Der Pulaaku gründet sich auf drei Säulen:
# munyal: Hierbei handelt es sich um die Selbstbeherrschung, ein Pullo soll sich immer ruhig verhalten und darf sich nicht seinen Emotionen hingeben
# semteende: Hierbei handelt es sich um die Zurückhaltung, die für den Pullo von großer Bedeutung ist; Fulbe sollen möglichst introvertiert sein
# hakkil: Weisheit ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Pullo, ein Pullo soll weise und gebildet sein, denn nur der Weise ist dazu in der Lage, sich selbst zu beherrschen und bescheiden zu leben.
Es gibt drei weitere Grundsätze des Pulaaku:
# wata a hersa: Sei dir selbst kein Anlass zur Schande!
# wata a hula: Habe keine Furcht!
# wata a fena: Lüge nicht!
Wer den Pulaaku nicht befolgt, ist kein Pullo mehr, sondern gehört zu den Ausgestoßenen.
Die wirkliche Basis des Pulaaku ist allerdings die Sprache. Wer die Sprache nicht beherrscht, ist nicht dazu in der Lage, die komplizierte Esoterik der Fulbe zu verstehen.
Ihre Sprache, das Ful gehört zum westatlantischen Zweig (atlantische Sprachen) der westsudanesischen Untergruppe der Niger-Kongo-Sprachfamilie. (Language Code: ful nach ISO 639.)
In der Kultur der Fulbe steht die Kuh an erster Stelle. In der traditionellen Religion der Fulbe schuf der Gott Geno, der höchste Gott, die Welt aus einem Tropfen Milch, der ihm von der Urkuh Itoori (welche einige mit Hathor, der altägyptischen Göttin der Liebe identifizieren) gegeben wurde; anschließend erschuf er die Kuh, den Mann und die Frau. Er setzte die Kuh hinter den Mann und die Frau hinter die Kuh. Fulbe legen den größten Wert auf ihre Tiere; das geht sogar soweit, dass einige Selbstmord begehen, wenn sie ihre Herde verlieren. Viele Fulbe weinen bei dem Verlust ihrer Tiere, vor allem bei dem des stärksten Stieres der Herde, dem Ngaari Mawndi (dies wurde auch als Beiname für die Könige der senegalesichen Dynastie der Deyniankoobe gebraucht). Von daher wird die Milch als göttliches Wasser angesehen, welche unverwundbar macht.
Auch die Namen der Clans haben eine Bedeutung. Bei den Fulbe existieren vier große Clans, die sich jeweils in Unterclans gliedern: Die Bâ, die Diallo (auch Ka oder Dia), die Barry und die Sow.
Die Bâ gelten als die Gelehrten, sie kennen sich vor allem in wissenschaftlichen und weltlichen, aber auch geistlichen Dingen aus. Die Diallo sind die Krieger, sie sind die Soldaten und haben dementsprechend auch eine solche Einstellung. Die Barry sind sowohl Kaufleute als auch Herrscher, sie haben die politische Macht inne. Die Sow sind die Initiatoren, sie sind es, welche sich am besten mit den Rindern auskennen.
Selbstverständlich ist diese Einteilung stark schematisiert; eigentlich findet sich nirgendwo mehr diese strikte Einteilung.
Geschichte
Bereits um 1000 n. Chr. hatten sich im Zuge des blühenden Transsaharahandels im Senegal bedeutende städtische Kulturen herausgebildet. Die Sprache der Fulbe, das Ful oder Fulfulde (der westliche Dialekt wir oft als Poular bezeichnet), bildete sich bereits vor dem 10. Jahrhundert im Senegaltal aus.
Im Lauf der Jahrhunderte wurden jedoch viele sesshaft und errichteten ab dem 19. Jahrhundert eine Reihe von Königreichen zwischen dem Senegal und Kamerun. Um 1810 besiegten sie die Haussa. Bis zu ihrer Unterwerfung durch die Briten in den Jahren 1900 bis 1906 hatten sie einen Großteil Nordnigerias unter ihre Herrschaft gebracht. Ihre Eroberungen haben die Fulbe oft mit religiösen Motiven gerechtfertigt. Als berühmtester der zahlreichen historischen Anführer der Fulbe ging Usman dan Fodio (1745-1817), der das Kalifat von Sokoto im Norden Nigerias gründete, in die Geschichtsbücher ein.
siehe auch
- Tukulor
Kategorie:Afrikanische Ethnie
Kategorie:Ethnie im Sudan
Kategorie:Ethnie in Gambia
Kategorie:Ethnie in Mauretanien
Kategorie:Ethnie in Senegal
Kategorie:Ethnie in Guinea
Kategorie:Ethnie in Nigeria
Kategorie:Ethnie in Kamerun
Kategorie:Ethnie in Tschad
Mauretanien
Die Islamische Republik Mauretanien ist eine ehemalige französische Kolonie in Westafrika, am Atlantik gelegen. Sie grenzt an die Staaten Algerien, Mali und Senegal sowie an das Territorium der Westsahara (Demokratische Arabische Republik Sahara). Mauretanien liegt am Westrand der Sahara und ist von urprünglich nomadisch lebenden Mauren, einem Mischvolk aus Arabern, Berbern und assimilierten schwarzen Westafrikanern, bewohnt. Die beginnende Ölförderung wird dem bisher sehr armen Land voraussichtlich wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Geographie
Die Grenze zum Staat Senegal bildet der Senegalfluss, ein Beispiel einer unglücklichen Grenzziehung durch die europäischen Kolonisatoren, da auf beiden Seiten des Flusses vielfach die gleichen Volksgruppen leben. Intensiver Handelsverkehr und intakte kulturelle Beziehungen sind bis heute die Regel, die Grenze beinahe als rein virtuell zu bezeichnen.
- Siehe auch: Liste der Städte in Mauretanien
- Siehe auch: Liste der Regionen in Mauretanien
Gesellschaft
Die französischen Kolonisatoren des 19. Jahrhunderts sahen das Land als geographische und kulturelle Brücke zwischen Nordafrika und Westafrika. Am Anfang des 21. Jahrhundert bietet sich dem Beobachter allerdings ein gänzlich anderes Bild. Wir haben stattdessen eine zwischen zwei kulturellen und linguistischen Traditionen zerrissene Gesellschaft, die eine tiefe Verwandlung erfährt. Der von der kolonialen Regierung zu Beginn 20. Jahrhundert initiierte Vorgang, die Nomaden des Landes zu einem sesshaften Leben zu zwingen, wurde durch eine ernste Trockenheit Mitte der Sechziger Jahre beschleunigt. Für die zwei folgenden Jahrzehnte war die daraufhin einsetzende Landflucht beispiellos und unaufhaltsam; Mauretanien ist von einer nomadisch pastoralen Gesellschaft zu einer hauptsächlich sesshaften, städtischen Lebensweise übergegangen. Große, früher pastorale Bevölkerungsgruppen wurden (von den Umständen oder der Regierung) gezwungen, den Boden zu verlassen, der nicht mehr genügend für das wirtschaftliche Überleben abwarf. Die schon damals beinahe überbevölkert zu nennenden Städte des Südens waren indessen nicht darauf vorbereitet, die große Zahl der Zuwanderer aufzunehmen.
Obwohl zum Teil kompensiert, hat die hohe und wachsende Säuglingssterblichkeit in den Siebziger und Achtziger Jahren die Urbanisierungsprobleme verschlimmert. Kombiniert mit einer geschwächten Wirtschaft haben die Urbanisierung und die Überbevölkerung zu einem generell niedrigen Lebensstandard geführt. In den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Regierung ihre spärlichen Mittel dazu aufgewendet, die Investitionen in Erziehungs-, Unterkunfts- und Gesundheitswesen zu erhöhen, um die grassierende Armut zu bekämpfen.
Anfang des 21. Jahrhundert ist die mauretanische Bevölkerung weiterhin nach ethnischen und regionalen Linien geteilt. Mauren im Norden - Weiße und Nachkommen der ehemals schwarzen Sklaven, die sich mit den Werten der Mauren identifizieren - bilden traditionell die politische, wirtschaftliche und religiöse Elite. Die andere Hauptgruppe setzt sich aus den schwarzafrikanischen Nachkommen der damals im Süden lebenden Bevölkerung zusammen, die sich mit den afrikanischen kulturellen und sozialen Werten identifizieren. Das Vermächtnis der maurischen Dominanz und der Versklavung der Schwarzen wurden durch Mischehen und Assimilation in die Kultur der Mauren verwischt; der Spalt zwischen den beiden Gruppen ist aber weiterhin groß, was sich im schwachen sozialen und nationalen Zusammenhalt der mauretanischen Gesellschaft widerspiegelt. Die ethnischen Spannungen waren offensichtlich auch die Ursache für andauernde Auseinandersetzungen in der gesamtstaatlichen Politik.
Gegen Ende der achtziger Jahre waren die ethnischen Spannungen etwa der Grund für eine unbeständige soziale Atmosphäre. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Mauren und den afrikanisch-stämmigen Völkern wurden von beiden Gruppen als ziemlich oberflächlich angesehen. Die religiöse Einheit im Islam verdeckte wichtige Unterschiede auch in den religiösen Betrachtungsweisen der Schwarzen und der Mauren. Die Regierung hoffte, dass die schnelle Urbanisierung die sozialen und kulturellen Wechselwirkungen erhöhen und die Vorurteile abbauen würde.
Bevölkerung
Wie viele Entwicklungsländer konnte Mauretanien keine präzisen Bevölkerungsstatistiken während der ersten Jahrzehnte seiner Unabhängigkeit zusammenstellen. Die Statistik der offiziellen Zählung vom Dezember 1976 zeigte etwas mehr als 1,4 Millionen Personen, einschließlich einer nomadischen Bevölkerung von ungefähr 513.000. Auf diesen Angaben basierte auch die Schätzung von 1987 von 1,8 Millionen, von denen ungefähr 50,25% weiblich waren. Die Regierung hat das jährliche Bevölkerungswachstum auf 1,6% in den Siebziger Jahren geschätzt, die Bewertungen der Vereinten Nationen (UNO) haben das Wachstum hingegen mit 2,9% (zwischen 1975 und 1985) angesetzt. Mit dem Satz 2,9% sollte die Bevölkerung Mauretaniens im Jahre 2000 2,5 Millionen erreicht haben. Man nimmt allgemein an, dass diese Wachstumsrate, die | | |